Keine Spur von Erholung: Seit Jahresbeginn ist die Produktion in der Metall- und Elektro-Industrie nochmal um 2,6 Prozent gesunken. Im Vergleich zu 2018 beträgt das Minus 15 Prozent. Auch die Erwartungen vieler Unternehmen sind düster. Und der Ernst der Lage ist vielerorts sichtbar: 350.000 Stellen sind schon weg. Angesichts der Produktionseinbrüche und einer anhaltend schlechten Auslastung hat M+E einen rechnerischen Überhang von 300.000 Beschäftigten.

Mitten in dieser Krise laufen die Tarifverhandlungen. Klar ist: Gewerkschaft und Arbeitgeber stehen in der Verantwortung, Produktion und Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern. Das wird nicht mit Streiks gelingen. Sondern nur, wenn die Tarifparteien ehrlich über die Probleme am Standort sprechen: Die Unternehmen ächzen unter den Kosten. Energie und Bürokratie sind zu teuer, die Steuern zu hoch. Und ja, auch die Arbeitskosten belasten unsere Wettbewerbsfähigkeit erheblich: Im Durchschnitt der M+E-Industrie machen sie 29 Prozent der Kosten für Unternehmen aus, im Mittelstand sind es bis zu 57 Prozent! Streiks mögen die Produktion stoppen. Aber sie ändern nichts an unserem Kostennachteil.

Dafür braucht es die gemeinsame Anstrengung der M+E-Tarifparteien. Denn motivierte Beschäftigte, innovative Technologien und engagierte Unternehmer genügen nicht, wenn die Arbeitsstunde bei uns inzwischen 55,07 Euro kostet – und in Polen 18,16 Euro. Wir müssen Lösungen finden, die die Kosten senken und den Standort retten. Am Verhandlungstisch statt auf den Barrikaden. Mehr zu den wichtigsten Themen in dieser M+E-Zeitung.

Was jetzt wichtig ist

Daten und Fakten, News und Termine zur Tarifrunde in der Metall- und Elektro-Industrie finden Sie auf unserer Webseite:
www.damit-industrie-zukunft-hat.de

„Gemeinsam handeln, um Kosten zu senken“

Interview mit Dr. Udo Dinglreiter, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall

Die Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektro-Industrie laufen. Wie geht es der Branche denn?

Nicht gut. Viele Unternehmen können in Deutschland nicht mehr rentabel wirtschaften. Also verschieben sie Investitionen, drosseln Produktion, verlagern sie oder stellen sie ein. Die Deindustrialisierung ist in vollem Gang, 350.000 verlorene Arbeitsplätze seit 2019 sprechen eine klare Sprache. Weitere 300.000 sind akut in Gefahr.

Klagen die Arbeitgeber nicht in jeder Tarifrunde?

Klar gehört die Darstellung der eigenen Sicht zu jeder Tarifverhandlung. Aber der Tarifabschluss muss für alle Betriebe passende Antworten finden. Für zu viele unserer Unternehmen geht es um die Zukunft ihrer Standorte und damit letztlich auch um das Vertrauen in das Instrument des Flächentarifvertrages. Und es geht damit um Beschäftigungssicherung.

Aber es gibt doch auch Unternehmen, denen es gut geht?

Ja, natürlich. Doch die wenigen Branchen, denen es im Moment besser geht, wachsen aufgrund der schuldenfinanzierten Staatsausgaben. Das kann die privaten Investitionen in neue Maschinen und Fabriken nicht ersetzen. Vor allem aber stehen diese Branchen nicht für die große Mehrheit. Die Zahl der Beschäftigten in Luft- und Raumfahrt, Werften und Rüstung macht etwa 5 Prozent der Beschäftigten in der M+E-Industrie aus, also rund 200.000 von 3,7 Millionen.

Ist also sowieso alles zwecklos?

Das sehe ich anders. Ich glaube an den Standort Deutschland. Wir haben engagierte und fleißige Kolleginnen und Kollegen, über den Tag hinausdenkende Unternehmer, eine starke Forschungslandschaft – und eine funktionierende Sozialpartnerschaft, wenn es darauf ankommt. Trotzdem muss es sich für alle lohnen, sich hier anzustrengen. Für die Beschäftigten, aber auch für die Unternehmen. Wenn wir das wieder hinbekommen, kommen unsere Stärken auch wieder zur Geltung.

Apropos stark: Die IG Metall will jetzt ihre Stärke zeigen. Wer muss sich nun bewegen?

Natürlich beide im Sinne eines fairen Kompromisses. Aber wir haben uns die Lage unserer Branche ja nicht ausgedacht. Die Kostenprobleme verschwinden nicht durch Trillerpfeifen und Fahnenschwenken. Aber wir haben es immer geschafft, einen Kompromiss zu finden. Wir müssen gemeinsam handeln, um die Kosten zu senken, den M+E-Standort Deutschland zu retten und Beschäftigung zu sichern.

So sieht es aus - die wichtigsten Fakten zur Tarifrunde

Unternehmen haben Job-Überhang

Obwohl die Produktion seit 2018 um 15 Prozent eingebrochen ist, sind bislang „nur“ 8 Prozent der Jobs verloren gegangen. Es könnte also noch schlimmer kommen: Die Auslastung bei M+E ist mit 78 Prozent (statt 90 Prozent vor der Krise) anhaltend schlecht. Und selbst wenn Aufträge eingehen, heißt das nicht, dass sie in teuren deutschen Werken abgearbeitet werden. Rechnerisch hat M+E derzeit 300.000 Beschäftigte zu viel. Nun braucht es Lösungen, die M+E-Produktion in Deutschland wieder bezahlbarer machen.

Stellenabbau aufhalten? Kosten senken!

Vielen Unternehmen geht es schlecht

Egal, wie schön es sich die IG Metall rechnet: Ein Großteil der M+E-Unternehmen hat nichts zu verteilen. 22 Prozent erwarten 2026 einen Verlust, weitere 21 Prozent gerade mal 0 bis 2 Prozent Rendite. Noch deutlicher wird der Ernst der Lage durch diese Zahl:

66 % der M+E-Beschäftigten 

arbeiten in schrumpfenden Branchen wie Automotive und Maschinenbau. Der Aufschwung etwa in der Rüstung hilft da kaum. Die Tarifrunde muss zur Entlastung aller Unternehmen beitragen, damit M+E am Standort Deutschland wieder in der Breite zulegen kann.

Firmen sichern? Kosten senken!

Arbeitskosten sind zu hoch

Deutschland 55,07 Euro pro M+E-Arbeitsstunde, Polen 18,16 Euro – der Nachteil der heimischen M+E-Werke bei Standortentscheidungen ist klar. Zumal die Arbeitskosten einen erheblichen Effekt haben: Im Schnitt machen sie 29 Prozent der Kosten für M+E-Unternehmen aus. Und es gilt: Je kleiner der Betrieb, desto schlimmer. Bei 20 bis 49 Beschäftigten gehen 57 Prozent für Arbeitskosten drauf. Das lässt sich nicht relativieren oder ignorieren. Die Unternehmen brauchen Entlastungen bei den Arbeitskosten, damit sich M+E-Produktion in Deutschland wieder rechnet.

Wettbewerbsfähiger werden? Kosten senken!

Private Investitionen gesunken

Schnell viele Staatsmilliarden für Verteidigung und Infrastruktur ausgeben – das ist derzeit Deutschlands Hauptrezept für Wirtschaftswachstum. Ein dauerhafter Aufschwung aber braucht Unternehmen (nicht nur bei M+E), die hier eine Perspektive sehen und deshalb investieren. Stattdessen fressen hohe Kosten deren Kapital auf und die Skepsis gegenüber dem Standort wächst: Seit Anfang 2022 sind die Unternehmensinvestitionen um mehr als

130 Mrd. €

gesunken. Die Tarifrunde muss wieder Spielräume für Investitionen in Deutschland – und damit für Innovation und die Zukunft von M+E-Betrieben und -Jobs schaffen.

Investitionen ermöglichen? Kosten senken!

M+E steckt in einer Strukturkrise

Die M+E-Probleme sind nicht vorbei, wenn das Wirtschaftswachstum anzieht. Die Unternehmen sind in einem Teufelskreis gefangen: Der Standort Deutschland wird immer unattraktiver, vor allem, weil die Kosten zu hoch sind. Also fließen Aufträge anderswo hin, die Auslastung sinkt, Unternehmen verdienen weniger. Deshalb investieren sie weniger in Deutschland, die Innovationskraft leidet – und der Standort wird noch unattraktiver. Aus diesem Teufelskreis müssen die Tarifparteien bei M+E einen Ausweg finden.

Deindustrialisierung stoppen? Kosten senken!

M+E-Quiz

Weiter abwärts

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Stichwort: M+E-QUIZ

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